Da unsere Arbeit ständig zum Gegenstand geschlechtsbezogener Fragen gemacht wird, mit denen unsere männlichen Kollegen nicht konfrontiert werden, haben wir, Comic-Künstlerinnen, entschieden, uns zusammenzuschließen, um die Formen, die der Sexismus auf diesem literarischen Feld annimmt, anzuprangern und zugleich Möglichkeiten vorzustellen, um ihn zu bekämpfen.

Unser Kollektiv besteht aus mehreren hundert Frauen.

 

Charta der Comic-Künstlerinnen gegen den Sexismus

 

◾ Da „der männliche Comic“ niemals definiert oder bezeugt worden ist, ist es herabsetzend, für die Frauen als Autorinnen, sie gesondert als Urheberinnen eines so genannten „weiblichen Comics“ zu betrachten. Sofern diese Bezeichnung uns bestimmte stereotype Charakteristika bezüglich unserer Arbeit und unserer Art, zu denken anheften soll, erkennen wir, Comic-Künstlerinnen, uns darin nicht wieder. Genauso wenig, wie sich unsere männlichen Kollegen auf ihre Männlichkeit für ihre Werke berufen, berufen wir uns auf unsere „Weiblichkeit“¹.
◾ „Der weibliche Comic“ ist kein erzählerisches Genre. Adventure, Sci-Fi, Krimi, Romanze, Autobiografie, Komödie, historische Erzählung, Tragödie, sind Genres, die Frauen als Autorinnen meistern, ohne dass sie dafür auf ihr biologisches Geschlecht verweisen müssten.
◾ Geschmäcker und Fähigkeiten von Leuten nach ihrem biologischen Geschlecht bestimmen zu wollen, ist ein Vorurteil, das jeder realen Grundlage entbehrt. Neurobiologische Studien und die experimentelle Psychologie beweisen, dass die kognitive Entwicklung beider Geschlechter gleich verläuft².
◾ Die Bezeichnung „girly“ dient nur der Verstärkung sexistischer Klischees. Wir weisen die Vorstellung zurück, dass über Schlussverkäufe und Cupcake-Rezepte zu sprechen als „weiblich“ zu etikettieren. Shopping und/oder Fußball zu mögen sind keine geschlechterabhängigen Eigenschaften. Zu entscheiden, dass die durch den Ausdruck „girly“ bezeichneten Eigenschaften zur Weiblichkeit gehören, ist frauenfeindlich angesichts dessen, dass sich die Bedeutung des Worts nach der Nichtigkeit und/oder Gefühligkeit der behandelten Sujets bestimmt.
◾ Frauen-Buchreihen herauszugeben, ist frauenfeindlich: Dadurch wird eine Differenzierung und Hierarchisierung im Bezug auf eine übrige Literatur, auf die Allgemeinheit der Lektüren, geschaffen, die sich – im Umkehrschluss – ans männliche Geschlecht richten würden: Warum sollte das Weibliche jenseits des Universellen seinen Ort haben? Auf diese Weise zu unterscheiden, allein auf Basis von Stereotypen, hat ausschließlich nachteilige Wirkungen auf die Wahrnehmung, die Frauen von sich selbst haben können, auf ihr Selbstvertrauen und ihre Leistungen. Das Gleiche gilt für die Männer – zumal, wenn sie sich zu dem hingezogen fühlen, was eine Fantom-Autorität als „weiblich“ rubriziert hat. So lange man weiterhin aus dem Männlichen die Norm und aus dem Weiblichen eine unterlegene Besonderheit macht, werden die Kinder nicht aufhören, sich auf den Schulhöfen als „Mädchen“ oder „Schwuler“ zu beschimpfen.

FÜR EINE FEMINISTISCHE OFFENSIVE DES COMICS

◾ „Feministisch“ ist kein Schimpfwort. Der Feminismus ist der Kampf für die Gleichheit von Mann/Frau in unseren Gesellschaften, ist also Anti-Sexismus, und wir wollen eine egalitärere Literatur fördern.
◾ Wir ermutigen die Vielfalt der Darstellungsformen im Comic. Die AutorInnen und Beteiligten in der Produktionskette des Buchs sollten mehr Frauen sichtbar machen, familiäre, homo-partnerschaftlichen Eltern-Kind-Schemata gestalten, People of Colour und die ethnische und soziale Pluralität zeigen.
◾ Wir erwarten von Comic-Künstlern, Verlegern, Institutionen, BuchhändlerInnen, BibliothekarInnen und JournalistInnen, dass sie im vollen Umfang ihre moralische Verantwortung wahrnehmen für die Verbreitung sexistischer und allgemein diskriminierender Erzählmuster (homophobe, transphobe, rassistische, etc.). Wir hoffen, zu sehen, wie auch sie eine Literatur fördern, die sich von ideologischen Modellen frei macht, die das Handeln und die Persönlichkeit ihrer Figuren auf sexuellen Stereotypen aufbauen.
◾ Wir ermutigen die BuchhändlerInnen und BibliothekarInnen, von Frauen gemachte oder vermeintlich für Mädchen bestimmte Bücher nicht separat in ihren Auslagen zu präsentieren: Die Tatsache, dass mehr Heldinnen vorkommen oder aktiver sind, als männliche Figuren, besagt nicht, dass Jungen und Männer sich mit ihnen nicht identifizieren und die Erzählung nicht mögen können.
◾ Wir hoffen, dass die Künstler, Verleger und Institutionen darauf achten, welche Schätze ein jeder von uns in sich trägt, und, dass es in uns keine hermetische Trennung zwischen männlich und weiblich gibt, außer jener, die uns die Gesellschaft und die Religionen aufzwingen. In jedem existiert eine Fülle von Dingen zwischen, rund um und jenseits dieser Begriffe von männlich und weiblich. Dies ist unser Kapital und die Literatur sollte davor keine Angst haben.

 


1. Da das Weibliche und das Männliche sozio-kulturelle Konstrukte sind, werden wir hier nicht den Anspruch erheben, eine in sich geschlossene, erschöpfende Denfition von ihnen vorzulegen
2. Siehe diverse Studien zu diesem Thema – verlinkt sind mehrere Berichte über relevante einschlägige Studien aus dem frankophonen Raum.

 

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